Bürger – schützt eure Anlagen!
(sbr) In den 1960er Jahren machten Schilder mit diesem Text mobil gegen das Betreten von Rasenflächen, gegen Müll in den Grünanlagen und gegen das Ausreißen von Blumen und Büschen in öffentlichen Parks. Damals schenkte so mancher Jugendliche mit leerem Portemonnaie der Mutter einen Blumenstrauß, der aus den Parkanlagen am Museum oder von den Rabatten am Hindenburg-Platz stammte. Die Blumenpracht jener Jahre gibt es nicht mehr auf öffentlichen Plätzen – die Verhältnisse haben sich umgekehrt. Heute sind es die städtischen Mitarbeiter, die Büsche und Pflanzen der Grünanlagen herausreißen und die Hecken an viel befahrenen Straßen zerstören. Die Stadt versucht ihre Beweggründe zu vertuschen: Aus Geldmangel wird von Gebüsch auf Rasen umgestellt – an manchen Stellen wird die Verkehrssicherheit vorgeschoben.
Im Juli beseitigten städtische Mitarbeiter viele Meter Grünstreifen mit Buschwerk, die an der Himmelsthürer Straße Fahrbahn und Radweg/Fußweg voneinander trennten. Durch ihre Platanen und die Büsche dazwischen, die Fußgänger und Radfahrer von der übermäßig breiten Rennstrecke für Autos abschirmten, gehörte die Himmelsthürer zu einer der schönsten Straßen im Hildesheimer Westen. Anwohner protestierten heftig gegen die Zerstörung, die städtischen Mitarbeiter verschwanden vorübergehend – um an anderer Stelle ihr Werk fortzusetzen. An der Ecke Geschwister-Scholl-Straße / Am Propsteihof weinte abends eine junge Frau, als sie das Ergebnis sah. Westpreußenweg, Marienburger Straße, Im Bockfelde, Gallbergstieg, Am Propsteihof: Die Liste der verwüsteten Grünstreifen wird täglich länger.


Für die Pflege von Hecken an Straßen braucht man Fachleute, fürs Rasenmähen nicht. Zudem haben die privaten Firmen, die von der Stadt – zur Kostenersparnis – in den vergangenen Jahren den Pflegeauftrag für viele Grünanlagen erhielten, sichtbaren Schaden angerichtet. Zierbüsche wurden – auch zur Kostenersparnis – alle zwei Jahre radikal gekürzt. Die Mühe, wild sprießende Ahornbäumchen oder die alles erstickende heimische Waldrebe zu entfernen, machte sich niemand. Die städtischen Werkstätten werden nun – zur Kostenersparnis – die privaten Firmen wieder ersetzen. Aber auch der Gärtner könnte, wenn er eingesetzt würde, vieles nicht mehr retten. Also kommt der Bagger.
Zwischen der Bergstraße und der Joseph-Müller-Straße wurde im August der bis zu drei Meter breite Grünstreifen zerstört. Er trennte den Fußweg, der dort durch einen alten Torbogen zum Godehardikamp führt, von der Straße – eine der beliebten fußläufigen Verbindungen am Berge, von den Stadtplanern hoch gelobt. Besonderen Schutz bot sie den Schulkindern und den alten Leuten – bis Ende August der Bagger kam. Ein seltenes Bäumchen, ein Speierling, vor vier Jahren gepflanzt, blieb stehen; zwei Haselnussbüsche setzten sich nach zähen Verhandlungen zwischen städtischen Mitarbeitern und Anwohnern durch. Auch die Breitblättrige Stendelwurz, eine unauffällige heimische Orchidee, überlebte die Verwüstung. Sie hat sich dort selbst angesiedelt, in einem offensichtlich passenden Umfeld. Alles andere wurde abgeräumt, seit Wochen liegt die festgefahrene Erde, durchsetzt mit Schutt und Steinen bloß.
Als die städtischen Mitarbeiter abgerückt waren, trafen Nachbarn zusammen, die sich vorher nicht kannten: Zwei alte Damen hatten unabhängig voneinander einen Busch gegossen, den eine dritte erst kürzlich dort gepflanzt hatte. Eine vierte erzählte von ihrer abendlichen Freude über die Nachtkerzen, die dort in der Dämmerung ihre Blüten geöffnet hatten. „Die leckeren Brombeeren“ bedauerte ein Herr, der vorüberging
Um die kleine Anlage für die Zukunft zu schützen, ließ eine Anwohnerin sich offiziell als „Patin“ eintragen. Diesen Ausweg lässt die Stadt: Patenschaften für Baumscheiben und Grünstreifen – die Bürger dürfen die Pflege übernehmen. Ein Mitarbeiter im Gartenamt ist dafür zuständig und berät. Ansonsten ist das alte Gartenamt am ehesten noch mit Planungen zur Bepflanzung von Spielplätzen befasst. Vor Jahren ist es ein Teil des Fachbereichs Grün, Straße und Vermessung geworden.
Am Fußweg über der Bergstraße ist eine Anwohnerinitiative am Entstehen. Sobald der verdichtete Boden gelockert und neue Erde angefahren ist, werden mehrere Nachbarn gemeinsam pflanzen und pflegen. Auch anderswo am Moritzberg könnte sich Engagement entwickeln: Bürger – schützt eure Anlagen. Sie verbessern das Straßenklima, sie machen das Wohnen angenehm! In manchen Dörfern übernehmen Rentner die Pflege der Parks – das ist auch hier denkbar, ebenso die Mitarbeit von Schulklassen. Für größere Grünflächen ließe sich vielleicht ein gemeinnütziger Träger finden.
Moritz vom Berge lädt Betroffene und Projekt-Interessierte zu einem ersten Treffen ein: am Donnerstag, dem 6. Oktober, um 18 Uhr vor „Meyers Treppchen“ an der Brauhausstraße.
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