Stadtteilzeitung Hildesheim West
Nr. 226 · April 2012
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Alte Eichenbestände in großer Gefahr

(sbr) Die Energiewende hat es mit sich gebracht: Mit Eichenholz lassen sich zur Zeit sehr gute Preise erzielen. „3.341 Euro für fünf Festmeter Eiche“ wurden Anfang März in den Zeitungen genannt. Ein Eichenbaum wächst sehr langsam, er kann bis dreißig Meter hoch und über 800 Jahre alt werden. Im hohen Alter bietet er Lebensraum für seltene Höhlenbrüter, für Mittelspecht, Schwarzstorch und Wespenbussard.

Für die Forstwirtschaft ist er lange vor dieser Zeit interessant: Immer früher werden die Bäume geschlagen, um möglichst hohen Profit zu erwirtschaften. Immer häufiger werden in Deutschland Alteichenbestände zu Geld gemacht. Die Wiederaufforstung ist ein kümmerlicher Ersatz für das eingeschlagene Altholz. „Pflanze eine junge Eiche 100 Jahre, bevor du eine alte fällst“, heißt die Regel aus Zeiten, in denen man Kostbarkeiten hütete, statt sie zu verscherbeln. Eine Sendung des Deutschlandfunks brachte es kürzlich auf den Punkt: „Forstwirtschaft zersägt Deutschlands Naturerbe“.

Uralte Eichen sind längst eine Seltenheit. Die Landesforstverwaltung ist mit dem Ausverkauf der Eichenbestände – auch im Rottsberg – beschäftigt.
Foto: Thomas Vespermann

Die Gefahr für die alten Eichen baut sich nicht nur fern vom Moritzberg, etwa in Bayern, auf. Die Bedrohung betrifft ganz konkret auch den Hildesheimer Wald – cirka 5.000 alte Eichen leben dort. Nicht nur die Stämme sind von wirtschaftlichem Interesse: Nach dem Fällen werden die Baumkronen an Ort und Stelle im Wald lautstark gehäckselt – für die gefräßigen Mäuler der Heizkraftwerke. Das Niedersächsische Forstplanungsamt in Wolfenbüttel stellt zur Zeit die Pläne für die Erhaltung bzw. „Entwicklung“ der Wälder am Finken-, Rotts- und Lerchenberg auf – zum Teil altes Moritzberger Kulturland. Dabei übergeht das Amt die gesetzlich vorgeschriebene Beteiligung der Natur- und Umweltschutzverbände an den Planungen.

Lerchen- und Finkenberg sind Naturschutzgebiete, sie gehören auch zum europäischen Schutzgebietsnetz Natura 2000. Die Sicherung, Förderung, Entwicklung und Wiederherstellung insbesondere der Alteichenbestände schreibt die Naturschutzverordnung hier ausdrücklich vor. Die Forstbehörde – immerhin eine Anstalt öffentlichen Rechts – stellte aber auch kein Einverständnis mit der Hildesheimer Naturschutzbehörde her. Im Gegenteil: Anscheinend setzt sie sich über deren Einwände hinweg und ist längst dabei, „vogelfrei“ abzuholzen.

Der Eichen-Elsbeeren-Wald am Finkenberg ist eine besondere Lebensgemeinschaft, die nur an trockenwarmen Kalkhängen vorkommt, sie ist auf „Inseln“ in der Landschaft beschränkt ist. Der Hildesheimer Ornithologische Verband schätzt sie als schwer gefährdet ein: Am Finkenberg wird seit Jahren massiv gefällt – Neuanpflanzungen von Eichen sind aber nicht festzustellen. In der nächsten Waldgeneration wird die Eiche deshalb fehlen, wenn die Entwicklung nicht sehr bald gestoppt wird.

Die Hildesheimer Naturschutzverbände haben ihren Protest für die Rote Mappe 2012 an die Landesregierung eingereicht. Den Schutz der Eichen bewirkt das vorläufig nicht. Die Forstämter dürfen auch nach dem 1. März, zur Brut- und Setzzeit fällen. Wenn nicht einmal die Naturschutzverordnung den Raubbau stoppt, wer dann? Im Sommer 2012 heißt es vermutlich: Augen auf, was am Finkenberg und Lerchenberg passiert!

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