Stadtteilzeitung Hildesheim West
Nr. 190 · Dezember 2008
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Stolperstein erinnert an Deportation und Vernichtung

(sbr) Im Gehwegpflaster vor dem Haus Königstraße 21 wurden Ende November zwei „Stolpersteine“ verlegt – zum Gedenken an zwei frühere jüdische Bewohner des Hauses: Regina und Robert Schönenberg. Beide, Mutter und Sohn, starben nach ihrer Verschleppung im Ghetto bzw. Konzentrationslager. Der Kölner Künstler Gunter Demnig verlegt die „Stolpersteine“. Er hat diese Gedenkzeichen für in der NS-Zeit deportierte Juden schon über 17.000-mal in Deutschland, in den Niederlanden, Ungarn und Österreich angebracht. Prof. Dr. Herbert Reyer, Leiter des Hildesheimer Stadtarchivs, hat nach der Lebensgeschichte der Hildesheimer Opfer geforscht und in der Stadtbibliothek eine Ausstellung mit Fotos von der Deportation im März 1942 organisiert. Mit diesem Transport wurde auch Regina Schönenberg verschleppt.

Regina Schönenberg war die Ehefrau eines der beiden Inhaber des Textilgeschäftes Alsberg am Hohen Weg 31. Ihr Mann Ernst starb früh, nach 1933. Den Boykott jüdischer Geschäfte im Frühjahr 1933 hat er noch erlebt, auch die ersten organisierten Anschläge auf jüdische Geschäfte. „Die Fenster der Firma Alsberg an dem straßenstück zum umgestülpten Zuckerhut sind vollständig zertrümmert,“ war am 31. Mai 1933 in der HAZ zu lesen, „lediglich zwei Fenster auf dem Hohen Weg sind noch heil.“

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Vor dem Haus Königstr. 21 erinnern die Stolpersteine an die früheren Bewohner Regina und Robert Schönenberg
Foto: Sabine Brand

Die Firma wurde nach Ernst Schönenbergs Tod von seinen Brüdern weitergeführt. Nach der „Arisierung“ – man zwang die jüdischen Kaufleute gewöhnlich dazu, einen Antrag auf Löschung ihrer Firmen im Handelsregister zu stellen – wurde aus dem Geschäft das Kaufhaus „Fiedler“.

Ernst Schönenbergs Witwe Regina, geborene Berg, blieb mit ihren Kindern Gerda und Robert im Wohnhaus der Familie Ecke Königstraße/Bennoburg. Mindestens zwei ihrer Brüder und eine Schwester lebten in Hildesheim: Der Jurist Eduard Berg, Vorsteher der jüdischen Gemeinde und jahrelang Bürgervorsteher, also Ratsmitglied im Hildesheimer Stadtrat, wohnte in der Bahnhofsallee. Ein anderer Bruder, Zahnarzt Dr. Max Berg mit Praxis in der Bernwardstraße 32, hatte das Wohnhaus Am Neuen Teiche 33 bauen lassen und wohnte dort mit seiner Frau Doris und den Kindern Erika und Wolfgang. Regina Schönenbergs Schwester Mattern lebte in Hildesheim in sogenannter „Mischehe“ mit einem Deutschen.

Max Berg wanderte schon um 1935 nach Ostafrika aus, seine Familie folgte ihm wenige Jahre später. Eduard Berg flüchtete 1938 mit seiner Familie heimlich nach Holland und lebte auch nach der Besetzung Hollands durch die Deutschen in Amsterdam – „untergetaucht“, in Verstecken, bis nach Kriegsende die Ausreise nach Amerika möglich war. Regina Schönenberg blieb am Moritzberg, schickte aber ihre Kinder ins Ausland, um sie vor den Nazis zu schützen. Tochter Gerda begann 1937 mit 16 Jahren eine Ausbildung zur Kindergärtnerin in Genf, Sohn Robert wurde 1938 als 16-Jähriger zu seinen Verwandten nach Holland geschickt.

Er bekam Tuberkulose, verbrachte ein Jahr auf dem Land im Sanatorium und wurde als geheilt entlassen. Danach wohnte er bei seinen Onkels Eduard und Robert Berg in Amsterdam und begann eine Ausbildung zum Elektrotechniker. Im Juni 1941, mit 19 Jahren, wurde Robert Schönenberg bei einer Razzia auf der Straße willkürlich aufgegriffen und mit etwa 300 jungen Juden ins Konzentratioslager Mauthausen gebracht. Dort wurde er am 2. Juli 1941 getötet – offizielle Todesursache: „auf der Flucht erschossen“. Roberts Mutter Regina wurde vermutlich im März 1942 von Hildesheim nach Warschau deportiert, dort starb sie im Juli 1944 mit 54 Jahren.

Auch zwei verwitwete Schwestern von Regina Schönenberg und drei verheiratete Brüder kamen in Konzentrationslagern um; drei weitere Geschwister aus der großen Familie Berg überlebten: der Hildesheimer Zahnarzt Dr. Max Berg in Ostafrika, der Hildesheimer Jurist Eduard Berg im Versteck in Amsterdam und Robert Berg aus Amsterdam im Versteck in Brüssel. Die jüngere Generation, die Cousinen und Cousins von Robert Schönenberg und seine Schwester Gerda, überlebte und wurde über Brasilien, England, Frankreich, Holland, Israel, die Schweiz und die USA verstreut.

Quellen:
- Erna Berg: Memoiren aus der Tauchzeit, Oldenburg 2007
- Helmut von Jan: Die Katastrophe der Hildesheimer Juden, in: Alt-Hildesheim Bd. 59/1988
- Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (Hrsg.): Verfolgung der jüdischen Bürger/innen Hildesheims, Hildesheim 1988
- Zeitzeugenbericht im Archiv Kultur und Geschichte vom Berge e.V.: Bestand IV, C 109

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