Stadtteilzeitung Hildesheim West
Nr. 205 · Mai 2010
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Die Urbanusprozession

Uralter Bittgang um den Moritzberg

(sbr) Am 16. Mai, dem Sonntag vor Pfingsten, ist in diesem Jahr die Urbanusprozession der Mauritiusgemeinde. Die Tradition solcher „Hagelfeiern“ im Frühjahr ist am ehesten noch auf dem Lande lebendig. Die Hagelfeierprozession führt durch die Feldmark der jeweiligen Gemeinde und erbittet Gottes Segen für Feld und Flur, für eine gute Ernte. Weil sie auf dem Berge traditionell am 25. Mai, dem Fest des heiligen Urbanus, stattfand, heißt sie hier „Urbanusprozession“.1 Nach Christian Köhler geht die Moritzberger Prozession auf ein Gelöbnis zurück, das die Moritzberger vor dem 30-jährigen Krieg nach der Vernichtung der Ernte durch Hagelschlag machten.2

Foto: Sabine Brand
Urbanusprozession 2009
Foto: Sabine Brand

Die christlichen Flurprozessionen sind an die Stelle von Umzügen zu Ehren des germanischen Gottes Thor oder Donar, des Beschützers des Ackerbaus, getreten. Nach dem Konzil von Leptinae 743 war ein Verzeichnis heidnischer Gebräuche im Umlauf, denen im Taufgelübde abgeschworen werden sollte. Einer der 30 genannten Abschwörungspunkte bezog sich auf den „Götzen, den sie über die Felder tragen“.3

Auf dem Moritzberg war die jährliche Urbanusprozession in früheren Jahrhunderten ein wichtiges Ereignis für die ganze Bürgergemeinde. Ein Schriftstück von 1753 im Hildesheimer Stadtarchiv rekonstruiert, wer von alters her den „Schlagbaum an der Bergbrücke“ auf der Grenze zwischen Hildesheim und Moritzberg öffnete und schloss - die Stiftsherren vom Moritzberg oder die Stadt Hildesheim? Drei betagte Einwohner bezeugen in diesem Schreiben, dass „ein hochwürdiges Capitulum“ (die Stiftsherren) den Schlagbaum, „wenn es die nothdurft erfordert“, jederzeit, „besonders alle mal am tag Urbani bey haltung der Procession über den Bergflecken geschehen“, zumachen ließ.4 Die Urbanusprozession wird als einziges Beispiel für die regelmäßige Schließung des Schlagbaums genannt! Das könnte heißen, dass alle Bürger an diesem Tag unterwegs waren und der Ort deshalb für Durchreisende und zum Schutz vor Übergriffen abgesperrt wurde.

Eine Rechnung von 1833 weist aus, dass Pastor Grashoff „für seine Bemühungen am Feste Sti. Urbani“ vom Vorsteher der Bürgergemeinde Moritzberg „zwölf gute Groschen Conv. Münze“ bar ausgezahlt bekam.5 Erst 1904 übernahm die katholische Kirchengemeinde die Zahlung der Gebühren an den Pastor und den Küster für die Durchführung der Prozession. Vorher war die Hagelfeier und auch die Unterhaltung der Prozessionskreuze eine Angelegenheit (und offensichtlich ein Anliegen) der politischen Gemeinde gewesen.1

Pfarrer Christian Köhler, 1903 geboren, erinnerte sich daran, dass in seiner Kindheit die „große Bittprozession“ durch das Berghölzchen, den Wolfstieg hinauf, den Panoramaweg entlang zum Gallbergstieg und wieder hinunter zum Moritzberg vom Glockengeläut der Mauritiuskirche begleitet wurde. Wenn am zweiten Prozessionskreuz über dem Wolfstieg der Segen über die Felder gegeben wurde, schwiegen die Glocken. Die Gesänge vom dritten Feldkreuz bei Heidlands Hof am Gallbergstieg klangen bis zu den Glockenläutern auf dem Mauritiuskirchturm hinüber.

Spätestens in den 1980er Jahren fand die Urbanusprozession nur noch als kleiner Umzug im Kreuzgang der Mauritiuskirche statt.2 Pfarrer Elbracht führte 1989 wieder die große Flurprozession auf der alten Route ein. An diese erste neu belebte Hagelfeierprozession erinnere ich mich gern: In flottem Schritt, mit wehenden Fähnchen und Glöckchen, vornweg die Messdiener mit dem Pfarrer in feierlichem Gewand, ging es um sechs Uhr früh durch die Wiesen und Felder im Morgendunst. Solch einen Frühlingsmorgen kann man als wahres Geschenk Gottes erleben.

Die Urbanusprozession findet in der Regel nicht mehr am Urbanustag, sondern am Sonntag vor Pfingsten statt. Zwar ist die Wegstrecke in den letzten Jahren verkürzt worden - vor allem, weil vorwiegend ältere Leute mitgehen -, zwar ist die Menge der Teilnehmer auf eine „harten Kern“ geschrumpft und der Prunk der festlichen Gewänder mit Weihrauch und Glöckchen abhanden gekommen. Aber sie hat etwas, diese Urbanusprozession: Ein Häuflein Menschen, das am Sonntagmorgen (dieses Jahr ab 8.30 Uhr) in Straßenkleidung durch die Moritzberger Flur wandert, auf dem langen Weg in monotonem Gemurmel und Gesängen die alten Fürbitten wiederholt und für einige 10.000 Anwohner in dem umrundeten Gebiet Gottes Segen erbittet.
Quellen:
1 Jutta Finke: Kreuze am Wege. Teil 1: Die Moritzberger Flurkreuze, in: Moritz vom Berge Mai 1994
2 Christian Köhler: St. Mauritius „auf dem Berge vor Hildesheim“, Bd. II, Hannover 1980, S. 127
3 Philipp Schmidt: Talisman und Zauberwahn, Einsiedeln o.J., S. 194
4 Stadtarchiv Hildesheim, Best. 100, Fach 91 Nr. 457
5 Stadtarchiv Hildesheim, Best. 200, Nr. 34 Bd. III

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