An den Küsten des Lichts
Eindrücke von einer ökumenischen Reise
„Aufgeschlagen fanden wir die Strophen des Sonnenpsalms“, unter diese Worte des neugriechischen Dichters Odysseas Elytis lassen sich neun sonnenbeschienene, reich beschenkte Tage als Motto stellen. Die Route startete am östlichen Rand der Ägäis, wo die Wurzeln der europäischen Kultur und des christlichen Abendlandes zu finden sind, und folgte den Spuren der Apostel Paulus und Johannes von Ephesos über Samos und Patmos bis nach Korinth, Piräus und Athen.
Unter den zahlreichen Erlebnissen und Begegnungen ragen einige als bleibende Erinnerungen hervor. Von allen Unterkünften und Hotels der Reise war es in Kusadasi am Hafen die historische Karawanserei mit der orientalisch geprägten Atmosphäre des Innenhofes unter jahrhundertealten Palmen. Der westliche Endpunkt der berühmten Seidenstraße faszinierte uns mit authentischen Einblicken in die traditionelle Seidenraupenzucht, Seidengewinnung und -verarbeitung.

In dem archäologischen Park von Ephesos nahmen wir Platz auf den alten Steinrängen des hellenistischen Theaters. Eine Lesung aus der Apostelgeschichte ließ den Tumult der Goldschmiede des Artemistempels lebendig werden, dem sich Paulus mit seiner Verkündigung gegenübersah. Eine spontane Aufführung einer zentralen Szene aus dem Ödipus des Sophokles vermittelte ein Gespür für die Akustik der antiken Theaterbauten und die tragische Dichtung der Griechen.
Ein Schwerpunkt der Reise war das auf dem Moritzberg hochgeschätzte ökumenische Miteinander. So begleiteten der Pastor der Christusgemeinde, Gerd Meyer-Lochmann, und der ehemalige Kaplan der Mauritiusgemeinde, Pfarrer Konrad Sindermann, die Moritzberger. Beim Besuch der Kirchen und Klöster der Ostkirche bildeten evangelische und katholische Christen eine durchgehend selbstverständliche und vertraute Gemeinschaft des Betens und Singens. Im Sonntagsgottesdienst der Chrysostomos-Liturgie wurde bewusst, wie weit die Annäherung der westlichen Konfessionen gediehen ist und wie sehr noch die Theologie und das Liturgieverständnis der Ostkirche von dem westlichen Ideal der „tätigen Teilhabe“ am Gottesdienst entfernt ist.
Unter den Inseln der Ägäis bleibt Patmos unvergessen. Drei Tage lang konnte die „Heilige Insel des Johannes“ ausgekostet werden. Ihr Geheimnis erschließt sich zwischen den Polen eines landschaftlich reizvollen und buchtenreichen Inselgestades und dem mystischen Reichtum der Kirchen und Klöster. Eine Wanderung vom Hafen auf Jahrtausende alten kykladischen Maultierpfaden führte uns zum Kloster der Apokalypse des Hl. Johannes. Der mystisch geprägte Raum der Offenbarungshöhle hielt für Hildesheimer eine Überraschung bereit: Die Rezitation der Verse aus dem 21. Kapitel der Geheimen Offenbarung spannte für uns einen weiten Bogen bis zum Hildesheimer Heziloleuchter, der aus eben diesen Versen seine Inspiration empfing.
Das Byzantinische Museum Athens mit den reichen Schätzen byzantinischer Kunst konnte uns besonders mit seinen kostbaren Ikonen berühren. Ihr Goldgrund, der sich als „Herrlichkeit Gottes“ versteht, und das Eigenlicht der heiligen Bilder eröffneten uns in der einfühlsamen Führung einer Athener Byzantinistin den Blick der Ostkirche auf das Mysterium Gottes. Im neuen Akropolismuseum, einer hochrangigen Museumsarchitektur des Schweizer Architekten Bernard Tschumi, fanden die Skulpturen des Parthenon, aber auch die Statuen der archaischen Zeit das Interesse. Dabei begegneten uns nicht nur ästhetisch unübertroffene antike Menschendarstellungen, sondern auch Motive, die in der frühchristlichen Kunst aufgegriffen wurden. Der Moschophoros, eine archaische Statue aus der Zeit um 570 vor Christus, zeigt in bestechender und bezwingender Weise die Liebe des Hirten zu seinem verlorenen und wiedergefundenem Herdentier, das er auf seinen Schultern Heim trägt: ein Urbild des Guten Hirten Christus.
Ein Wermutstropfen verirrte sich am letzten Tag in den reich gefüllten Pokal der Reiseerlebnisse. Ausgerechnet der Besuch der Akropolis fiel einem Streik der griechischen Staatsbeamten zum Opfer. So musste der Parthenon mit seiner vollendeten Schönheit in der nächtlichen Illumination vom benachbarten Philopappos-Hügel aus in den Blick genommen werden.
Als wir zum Abschluss der Reise in der Zwölfapostelkirche auf der Athener Agora das „Laudate omnes gentes“ aus Taizé anstimmten und der mehrstimmige Gesang unter der Kuppel des Pantokrator die Akustik und Mystik des Kirchenraumes erfahren ließ, war uns bewusst, wie reich beschenkt wir wieder zu unserem Moritzberg zurückkehren würden.