Bärenstarke Biene
Hubert Ingelmann von der Natur- und Umweltgruppe St. Mauritius hat in den letzten Wochen Spannendes auf dem Friedhof im Bockfeld beobachtet: den Nestbau einer Mauerbiene, der „Osmia bicolor“. Diese Wildbiene nutzt zur Eiablage leere Schneckenhäuser, bevorzugt von der Hain- oder Gartenschnirkelschnecke – das sind die kleinen bunten Häuschen mit gelben und braunen Bändern, die häufig in Moritzberger Gärten anzutreffen sind. Leere Schneckenhäuser dienen der Osmia bicolor auch als Unterschlupf bei schlechtem Wetter und bei Nacht.

Hat die Biene ein geeignetes Schneckenhaus gefunden, inspiziert sie zunächst das Innere. Ist sein Eingang aufwärts gerichtet, dreht sie es, bis die Mündung schräg nach unten gerichtet ist. Dazu zwängt sie sich zwischen die Vegetation und das Schneckenhaus und dreht dieses mit den Beinen. Anschließend beklebt das Weibchen sein Schneckenhaus mit Pflanzenmörtel. Es beißt von Pflanzen verschiedener Art kleine Blattstücke ab und verarbeitet sie unter Mithilfe von Speichel zu einem grünen Brei, den es als unregelmäßigen Ballen mit den Mandibeln (Oberkiefern) zum Schneckenhaus transportiert. Auf der höchsten Stelle des Hauses verteilt es die Masse, wodurch kleine grüne Flecken entstehen. Insgesamt verbringt die Biene etwa eine halbe Stunde mit dieser Tätigkeit. Innen blieb das Haus derweil unverändert. Die Mauerbiene trägt nun Pollen und Nektar ein; für diese Verproviantierung braucht sie vier bis sechs Stunden.
Vor der Eiablage holt das Weibchen wieder Pflanzenmörtel, den es diesmal im Innern des Schneckenhauses an der Spindel deponiert. Das Ei wird so abgelegt, dass es mit einem Pol schräg an dem dicht gepackten Futterbrei angeheftet ist. Nach der Eiablage dient der zuvor eingetragene Pflanzenmörtel zum Bau der ersten Querwand. Danach stapelt die Biene kleine Steinchen, Holzstückchen oder Erdbröckchen, die sie aus der nächsten Umgebung herbeischafft, lose vor der Querwand. Eine Windung des Hauses wird gut zur Hälfte abgefüllt und als Abschluss eine weitere Querwand aus Pflanzenmörtel eingezogen.

Wenn die Brutzelle fertiggestellt ist, dreht Osmia bicolor ihr Schneckenhaus, bis seine Mündung dem Boden flach aufliegt. Wird dies durch einfaches Drehen nicht erreicht, gräbt sie mit den Mandibeln unter dem Haus, trägt die gelösten Erdbröckchen im Flug fort und lässt sie in etwa zwanzig bis fünfzig Zentimeter Entfernung fallen. Unter dem Schneckenhaus bildet sich auf diese Weise eine kleine Grube. Die Biene dreht das Haus wieder nach unten und fixiert es. Nun sammelt die Mauerbiene trockene Grashalme oder Kiefernadeln von meist zwei bis zehn Zentimetern Länge. Sie greift z. B. eine Kiefernadel mit den Mandibeln und schiebt sie unter dem Körper zwischen den Beinen hindurch nach hinten. Sie fliegt zum Nest und legt die Nadel so ab, dass sie mit der Spitze den Boden berührt und gleichzeitig dem Schneckenhaus aufliegt. Hunderte von Halmen oder Nadeln werden herbeigeschleppt und zum Teil ineinander verankert. Dieses Abdecken dauert mehrere Stunden, mitunter einen ganzen Tag. Oft entsteht dadurch ein faustgroßer Streuhaufen, unter dem das Schneckenhaus völlig verborgen ist.
In diesem kleinen Kunstwerk entwickelt sich das Ei innerhalb von vier bis fünf Wochen. Die fertige junge Biene bleibt aber den Winter über im Kokon in der perfekten Tarnung ihres Nestes – erst im Frühjahr schlüpft sie aus und lebt einen Sommer lang.
Hubert Ingelmann ist begeistert von dem, was er beobachten durfte. Er möchte die Schätze der Schöpfung hüten und bittet deshalb darum, an solch sensiblen Orten wie den Moritzberger Friedhöfen keine Pestizide einzusetzen. Sie würden das Leben der kleinen Künstlerin, der Osmia bicolor, und das vieler anderer Insekten zerstören.
Stadtumbau-Sprechstunde