Stadtteilzeitung Hildesheim West
Nr. 210 · November 2010
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Denkmal neu entdeckt

Ein Feuergeist (Teil 1)

(sbr) Auf dem neuen Sportplatz der DJK Blau-Weiß an der Lucienvörder Allee zieht eine Baumgruppe in der nordwestlichen Ecke, vor den Tennisplätzen, die Augen an. Hohe Bäume recken sich dort weg vom Zentrum eines kleinen Hügels nach außen. Mitten in der Gehölzinsel steht zwischen alten Eichen und Weißdorn ein stark verwittertes Denkmal, behauener Sandstein, drei Meter hoch.

Im unteren Drittel trägt es eine Inschrift, gerade noch lesbar; im mittleren Drittel ragt ein kleiner Steinsockel in einer Spitzbogen-Nische auf – ohne das Schaustück, das er präsentieren sollte. Hier fehlt eine Büste oder vielleicht eine komplette menschliche Skulptur. Über der leeren Nische wölbt sich eine kleine Gaube. Die Inschrift auf dem Stein lautet:

Hier ruht
Anton Gottsleben
unermüdlicher Kämpfer für
Wahrheit und Recht
geboren am 10ten Juni 1812
gestorben am 17ten Sept. 1867

Wer war Anton Gottsleben? Ein Beitrag im Hildesheimer Heimatkalender 1954 (von Fritz Rickhey, S. 109) zählt Gottsleben zu den bedeutenden Persönlichkeiten aus dem Hildesheimer Land und benennt ihn als: „Idealist, Turner und Feuergeist im Biedermeier-Hildesheim. Unermüdlicher Kämpfer für Wahrheit und Recht, Begründer des Männerturnvereins von 1848 und der deutsch-katholischen Gemeinde in Hildesheim“.

Eins der Geheimnisse des Grabsteins auf dem Sportplatz löst sich durch diesen Hinweis: die Wahl des Aufstellungsortes. Blau-Weiß hat den Platz an der Lucienvörder Allee 2009 vom Gehörlosen-Sportverein übernommen, aber bis 1974 war der MTV v. 1848 hier zu Hause. Ein Gedenkstein für den Gründer dieses Vereins auf dem Sportplatz ist nicht ungewöhnlich. Auch auf dem Rex-Brauns-Platz an der Pappelallee stand von 1929 bis 1956 ein Gedenkstein für Herrn Brauns (Hildesheimer Heimatkalender 2001, S. 69).

Dass der Sportverein Blau-Weiss nach seinem erzwungenen Umzug vom Moritzberg auf Anton Gottsleben stößt, ist ein spannendes Zusammentreffen: Anton Gottsleben, 1812 in Marienburg geboren, wuchs am Moritzberg auf. Sein Vater Friedrich Gottsleben war Amtsvogt und dreizehn Jahre lang Bürgermeister von Moritzberg. 1830 wohnte Friedrich Gottsleben mit seiner Familie im ehemaligen zweiten Stiftshof des Moritzstiftes, im „von Bührenschen Hof“, damals Moritzberg, Hausnr. 95 bzw. 96, heute Hildesheim, Bennostraße 5.

Friedrich Gottslebens Sohn Anton war Schüler im Josephinum. 1828 wurde unter seiner und seines Freundes Jos. Helmes' Anleitung im elterlichen Garten auf dem Moritzberg geturnt – das waren die Anfänge des damals als revolutionär geltenden Turnens in Hildesheim. Mehr dazu ist im nächsten Moritz vom Berge zu lesen.

Als „Feuergeist“ charakterisieren den jungen Gottsleben auch einige wenige Erwähnungen in Gebauers „Geschichte der Stadt Hildesheim“ (1924), dort wird er im Zusammenhang mit den Hildesheimer Ereignissen im Revolutionsjahr 1848 genannt. Der „mit einer gewaltigen Stimme begabte Advokat Anton Gottsleben“ war einer der Vertreter Friedrich Weinhagens während dessen Inhaftierung (S. 377). Ein Jahr später wurde bei einer Feier zum Gedenken an den März 1848 mit Umzug die schwarz-rot-goldene Bürgerfahne vom Paradeplatz zur Schützenwiese getragen – von den „Reichsbürgern“ Suhren und Gottsleben. Auf der Schützenwiese pflanzte man an diesem Tag „acht Freiheitseichen“; in der Folgezeit wurde dieser Platz „Unter den neuen Eichen“ „eine beliebte Stätte sommerlicher Volksversammlungen“ (S. 384).

Fotos (2): Sabine Brand
Fotos (2): Sabine Brand

Anton Gottsleben starb mit 55 Jahren – an der Cholera, die damals in Hildesheim wütete. Zu der Zeit war er Obergerichtsanwalt. Am ersten Jahrestag seines Todes enthüllten seine Freunde für ihn ein Grabdenkmal mit seiner Büste (Festschrift des MTV v. 1948 zum 150-jährigen Bestehen). 1956 wurde laut Vereinschronik ein Anton Gottsleben-Denkmal auf dem Sportplatz an der Lucienvörder Allee eingeweiht. Ein Foto in der Chronik zeigt das Denkmal, das noch heute dort steht, allerdings mit einer Büste des Geehrten auf dem jetzt leeren Sockel. Die Inschrift „Hier ruht ...“ legt nahe, dass es sich bei dem Gedenkstein um Gottslebens Grabstein handelt. Nicht bekannt ist bisher, wo die Büste geblieben ist.

Foto: Stadtarchiv Hildesheim, Bestand 951 Nr. 1414
Foto: Stadtarchiv Hildesheim, Bestand 951 Nr. 1414

Bei der Suche im Stadtarchiv Hildesheim ist „Moritz“ auf ein Foto des großen Mannes gestoßen. Das Bild hat offensichtlich als Vorlage für die Skulptur auf dem Gedenkstein gedient, eine Restaurierung wäre damit möglich. – Einem „Feuergeist“, „Idealist“ und „unermüdlichen Kämpfer“ nicht nur für das Turnen, sondern für „Wahrheit und Recht“ und für die Ideale von 1848, würde die würdige Herrichtung des Steines Ehre machen.

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