Stadtteilzeitung Hildesheim West
Nr. 230 · September 2012
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Moritzberg Verlag
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Bäckerei Krone

Hute-Wald voller seltener Schätze

Alte Eichen brauchen Paten

(sbr) Die Eiche ist sehr wertvoll – als totes Holz, wenn sie zum Verkauf gefällt ist und erst recht als lebendiger alter Baum, der vielen seltenen Lebenwesen Lebensmöglichkeiten schafft. Alte Eichenwälder finden sich auf den Muschelkalkhängen des Finkenberges. Er ist im Nordwesten das Endglied der Hügelkette, die am Moritzberg oft in ganzer Länge als „Rottsberg“ bezeichnet wird, er grenzt an Sorsum und an Himmelsthür.

Der Finkenberg ist seit 2004 Teil des Naturschutzgebietes Finkenberg/Lerchenberg. Das Besondere und Schützenswerte auf diesen Hängen sind die seltenen „Wälder trockenwarmer Kalkstandorte“, die sich hier erhalten haben: der Eichen-Hainbuchenwald, speziell die Lebensgemeinschaften, in denen sich auch die Elsbeere und manche Orchideen wohlfühlen.


Ehrenamtlich und dienstlich mit den Wäldern
befasst: Die Hildesheimer Naturschützer
machen auf die Bedrohung der Eichen am
Finkenberg aufmerksam.
In diesen Wäldern kommen auch Rotbuchen und Linden vor, sie sind aber nicht prägend. Die Eichen-Hainbuchenwälder sind vermutlich Jahrhunderte alte Hute-Wälder: Man trieb Kühe, Schafe und vor allem Schweine in diesen Wald – mit Eicheln und Bucheckern wurden die Schweine gemästet. Durch die Hute-Nutzung blieben die Wälder ziemlich licht, so dass sich dort eine sehr vielfältige Tier- und Pflanzenwelt entwickeln konnte. Bäume wie die Linde und die schnittverträgliche Hainbuche – heute oft in Gartenhecken gepflanzt – wurden in einem bestimmten Rhythmus zur Nutzung „auf den Stock gesetzt“, also runtergeschnitten – sie schlagen danach mehrstämmig wieder aus. Eichen und Rotbuchen dagegen ließ man alt werden, weil ihre Früchte als gutes Viehfutter geschätzt wurden. Rotbuchen werden unter diesen Umständen 200 bis 300 Jahre, Eichen über 800 Jahre alt.

Eine völlig andere Nutzung, der „Endeinschlag“ von 100- bis 200-jährigen Bäumen für den Verkauf, bringt den Bestand dieser alten Wälder nun in große Gefahr. Der Finkenberg ist ein Staatsforst. Bewirtschaftet wird er von den staatlichen Forstämtern. Mit Eichenholz kann das Land zur Zeit sehr viel Geld verdienen – die Holzpreise sind so hoch wie nie zuvor und Eichenholz ist das teuerste.

Etwa ein Fünftel des Naturschutzgebietes Finkenberg/Lerchenberg bestand in der Vergangenheit aus Eichenwald. Er hat Bedeutung über die Region hinaus, auf der landesweiten Rangliste geschützter Eichenwälder ist er auf Platz 3 platziert.Die Hildesheimer Naturschutzbehörde hat den Finkenberg speziell unter Schutz gestellt, um seine alten


Die Gefahr ist sichtbar: Vorne eine alte Eiche mit Totholz, darunter viele kleine Eichensämlinge. Im Hintergrund sind schon mehrjährige Rotbuchen aufgeschossen.
Eichen zu erhalten. Die Fällzahlen der letzten Jahre werden der Behörde aber nicht genannt. Das Niedersächsische Forstplanungsamt stellt zur Zeit die Erhaltungs- und Entwicklungspläne für die Wälder im Westen des Moritzbergs auf. Nach Einschätzung der Unteren Naturschutzbehörde sind diese Pläne nicht geeignet, die alten Wälder zu erhalten. Damit würden sie nicht nur gegen die Naturschutzverordnung, sondern auch gegen geltendes europäisches Recht verstoßen – Finken- und Lerchenberg sind auch nach der Naturschutzrichtlinie der EU als Flora-Fauna-Habitat-geschützt und – drittens – als Teil des Vogelschutzgebietes „Hildesheimer Wald“.
Das Forstplanungsamt hat anscheinend Komplikationen vorhergesehen: Die Naturschutzbehörde kann die Zukunftspläne der Landesforstverwaltung zwar ansehen, darf sie aber nur öffentlich machen, wenn sie ihnen zustimmt. Ein merkwürdiges Verständnis von Öffentlichkeitsarbeit – die Aufgabe der Medien wird dadurch verdreht: Sie sollen nicht mehr kritisch hinterfragen und aufklären, sondern Propaganda für schon getroffenene Entscheidungen machen.

Der Eichen-Hainbuchenwald am Finkenberg ist voll besiedelt von Vögeln, Fuchs und Rotwild.  Käfer sind die artenreichste Gruppe dieses Waldes. Von den Schmetterlingen sind vor allem die Nachtfalter sehr stark vertreten, für Tagfalter wird es durch den zunehmenden Rotbuchenbestand langsam zu dunkel. Die Eiche hat für die Artenvielfalt eine enorme Bedeutung, sie schafft Lebensraum für viel mehr Insekten- und Vogelarten als jede andere Baumart. Die alten Eichen mit beginnendem Zerfall bieten eine Heimat für Holzbewohner wie Flechten und Pilze, Insekten, Vögel und Fledermäuse. Gruppen von sogenannten Habitatbäumen, Eichenveteranen mit Rissen, Höhlen und Totholz, sollen deshalb vom Fällen ausgenommen werden – das fordern die Naturschutzbehörden. Nur noch etwa zehn Hektar Eichen von insgesamt 40 bis 50 Hektar am Finkenberg/Lerchenberg sind älter als 160 Jahre. Die Zerfallphase der Eichen beginnt mit 250 bis 300 Jahren.

Fachleute der Hildesheimer Naturschutzverbände haben bei einer Wanderung über den Finkenberg kürzlich vor Ort gezeigt, warum das Vorgehen und die Planungen der Landesforst dazu führen können, dass der Eichen-Hainbuchenwald am Finkenberg ausstirbt. Es gibt mehrere Gründe dafür.

Eichen wachsen sehr langsam. Wird ein Baum gefällt, entsteht viel Platz und Licht für nachwachsende Jungpflanzen. Die kleinen Eichen überstehen aber wegen ihres


Eine Kostbarkeit der Hildesheimer Kalkhänge: die Türkenbundlilie
Foto (3): sbr
langsamen Wuchses den Verbiss durch das Wild im Wald selten. Junge Eichensämlinge oder -setzlinge müssten grundsätzlich durch ein Drahtgeflecht vor Verbiss geschützt werden – früher war das üblich. Im Finkenberg ist davon heute nichts zu sehen.
Eichen sind auch sehr lichtbedürtig, sie brauchen „Kleinkahlschläge“ oder natürliche Löcher in den Baumkronenschatten, um aufwachsen zu können – junge Rotbuchen halten dagegen den Schatten besser aus. Die schnell wachsenden Buchensämlinge setzen sich gegenüber den Eichensämlingen durch und beschatten ihren Standort. Ein dichter Rotbuchenschirm verhindert das Nachwachsen der Eichen – so wandelt der lichte Eichen-Hainbuchenwald sich nach Eichenfällungen rasch zum Rotbuchen-Hochwald, wenn nicht gezielt für junge Eichen gesorgt wird. Im Westsaum des Finkenberges am Waldweg von den Diakonischen Werken nach Süden ist dies gut zu erkennen: Der Wald am Hang ist bereits ein einheitlicher Jungbuchenwald geworden – noch vor wenigen Jahren standen hier alte Eichen. Die hat das Forstamt nur auf der anderen Seite des Weges am Waldrand stehen gelassen.

Der Eichenwald am Finkenberg ist von Natur aus bedroht, sich in Buchenwald zu wandeln, wenn er nicht beweidet wird. Die Neigung der Forstwirtschaft, viele Eichen im mittleren Alter in Geld umzusetzen, befördert diese Entwicklung noch. „Keine Endfällung mehr ohne Verjüngungsflächen“, fordern deshalb die Naturschutzverbände, sonst gibt es in wenigen Jahrzehnten keine Eichen mehr im Hildesheimer Westen. „Pflanze eine junge Eiche 100 Jahre, bevor du eine alte fällst“, heißt der Grundsatz, der Jahrhunderte lang für den Bestand der Eichenwälder sorgte.

Für die Eichen am Finkenberg ist es in wenigen Jahren zu spät, wenn die Entwicklung nicht rasch gestoppt wird. Ausschlaggebend für nachhaltiges ökologisches Wirtschaften ist eben nicht nur, dass die Menge des eingeschlagenen Holzes geringer ist als die Menge des nachwachsenden, wie die Landesforst argumentiert. Nachhaltig für die Umwelt ist vor allem die Erhaltung der Artenvielfalt, der Unterschiedlichkeit der Lebewesen. Ein lichter Eichenwald mit einigen Veteranen, die bleiben dürfen, bis sie tot umfallen, birgt unglaublich viele Naturschätze – in viel mehr Nischen als sie ein aus wirtschaftlicher Sicht hochwertiger Buchenhochwald mit mehr Festmetern Nutzholz bietet. Qualität zählt hier mehr als Quantität.

Die Fällzahlen für die alten Eichen werden nicht genannt. Wo sind die Bestandsbücher? Es gibt offensichtlich keine Register zu den wirklich alten Bäumen, den sogenannten Habitatbäumen. Wie viele von ihnen noch vorhanden sind, lässt sich anhand von Unterlagen und Karten zur Zeit kaum feststellen – die Landesforst blockt. Sie versucht, die Naturschutzbehörden abzuhängen – also die Planungen ohne deren Einverständnis fortzuführen. Die vorgesetzte Behörde für den Naturschutz ist das niedersächsische Umweltministerium, für die Landesforsten ist es das Landwirtschaftsministerium! Eine Schiedstelle gibt es bislang nicht.

Um weiterer Zerstörung vorzubeugen, müssten die schützenswerten alten Bäume bekannt sein. Dazu kann jeder Wald- und Naturfreund beitragen. Der Bestand muss erfasst und in einem Register zusammengestellt werden. Für einzelne alte Bäume kann die Rettung dann in der Herstellung einer persönlichen Beziehung vom Mensch zum Baum liegen: Baumpaten könnten ihren Baum im Auge behalten, ihn besuchen – und die Öffentlichkeit alarmieren, wenn er gefährdet ist.
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