Stadtteilzeitung Hildesheim West
Nr. 236 · März 2013
„Das Schlachtfest im Steinberg
hat wieder begonnen“
(sbr) Mit dieser dramatischen Formulierung alarmierte Eberhard Johl Mitte Januar den Ortsrat und die Zeitung Moritz vom Berge. Johl ist am Steinberg aufgewachsen, mittlerweile ist er im Rentenalter und fast täglich im Steinberg unterwegs. Bereits im letzten Frühsommer hatte er Ortsbürgermeister Paasch die Schneisen und Lichtungen gezeigt, die im Winter zuvor durch das Fällen sehr großer Bäume in den Wald geschlagen waren.
Damals wurden mächtige Eichen gefällt, die noch aus der Zeit der Aufforstung des Steinberges vor 150 Jahren stammen. Mittlerweile gibt es kaum noch solche alten Bäume im Steinberg – jetzt wird die Generation unter 100 Jahren beseitigt. Seit Januar 2013 wurden besonders viele Kiefern und Fichten gefällt. Die Baumstämme werden für viel Geld verkauft, den Erlös erhält die Stadt Hildesheim als Eigentümerin des Waldes. Das Niedersächsische Forstamt Liebenburg mit der Revierförsterei Sorsum „betreut“, d.h. pflegt diese Wälder. Nach Abzug der Zahlungen für die Fällarbeiten an das Forstamt wird ein großer Teil des Gewinns für die Unterhaltung des Waldes, für Wege und Plätze ausgegeben.
Im Steinberg wird zur Zeit ein etwa drei Hektar großes Gebiet durchforstet – im Schnitt alle zehn Jahre werden die städtischen Waldflächen intensiv bearbeitet. Am oberen Hauptweg sowie am Verbindungsweg von der Kupferschmiede zum unteren Hauptweg (oberhalb der Rodelstrecke „Teufelsbahn“) sind die Sägen und „Vollernter“ in Aktion. Von dort in Richtung Waldquelle sind große Lichtungen in den alten Baumbestand geschlagen worden. „Offenbar wurden alle orange markierten Bäume gefällt, die ich Ihnen bei unserer Juni-Begehung schon gezeigt hatte, plus weitere im nahen Unterholz“, berichtete Johl dem Ortsrat. „Ich bitte Sie nochmals darum, sich dafür einzusetzen, dass der Steinberg als stadtnahes Erholungsgebiet nicht für wirtschaftliche Zwecke missbraucht wird, sondern gerade der alte Baumbestand mit aller Kraft erhalten wird. Schließlich ist der Wald genau zu diesem Zweck ab etwa 1865 einmal mühevoll aufgeforstet worden – und nicht als zukünftige Holzplantage.“
Johl weist darauf hin, dass für das Forstamt der Umgang mit dem Steinberg ein ähnlicher sein mag wie mit dem Hildesheimer oder Diekholzener Wald, wo „regelmäßig geerntet werden kann“. Grundsätzlich muss die Pflege von Steinberg und Berghölzchen aber andere Ziele haben – das betonte schon Oberbürgermeister Struckmann im 19. Jahrhundert (siehe Artikel nächste Seite): Diese kleinen Wälder wurden als Parks geplant und sind bis heute so genutzt, weil sie für die Stadtbewohner nah sind – ein Ort zum Entspannen und zum Abschalten von Hektik und Technik, zum Kontaktaufnehmen mit der Natur. In solchen Wäldern entwickelt der Mensch regelrecht persönliche Beziehungen zu einzelnen Bäumen, erlebt sie als Individuen und als Lebewesen – besonders wenn sie alt sind. Das Baumfällen als „Schlachtefest“ – diese Bezeichnung empfinden viele Anwohner als passend, sie nehmen das Sterben wahr, sie leiden mit den Bäumen.
Der Ortsrat Moritzberg/Bockfeld nahm die Alarmrufe aus dem Steinbergviertel sehr ernst, besichtigte am Sonntagmorgen die Schäden und wandte sich an die Stadt wie auch an das Forstamt Liebenburg. Der für die Betreuungsforsten zuständige Dezernent Dr. Fritz Griese nahm umgehend Stellung: Eine Informationsveranstaltung für den Ortsrat und interessierte Bürger zu Fragen von Forst und Waldbau rund um den Steinberg könne im späten Frühjahr oder Sommer stattfinden. An einer Ortsratssitzung wollte das Forstamt aber erst einmal nicht teilnehmen, wäre jedoch bereit, sich zur Vorbereitung der öffentlichen Informationsveranstaltung schon einmal vorab und kurzfristig in kleinem Kreis zu treffen.

Foto: sbr, Juni 2012

Foto: sbr, Januar 2013


Fotos (2): Eberhard Johl, Jürgen Rieß