Stadtteilzeitung Hildesheim West
Nr. 247 · April 2014
Seit 70 Jahren im Berggarten zuhaus

Foto: sbr
Selbst übernahm er das Vorstandsamt, weil sich sonst niemand fand – 1999 als zweiter Vorsitzender, 2002 als erster. Auf der Jahreshauptversammlung am 1. März hat der mittlerweile 70-Jährige nun Vera Meyer als Amtsnachfolgerin vorgeschlagen. Ihr steht ein gutes Team zur Seite. Das war auch für Heinz Wüsthoff eine Erleichterung in seinem Ehrenamt: „Im Vorstand waren immer Mitstreiter, die einem Arbeit abgenommen haben“.
Wüsthoff ist von Kindheit an vertraut mit der Kleingartenanlage Berggarten. Die Großeltern hatten dort einen Garten und die Eltern auch. „Im Sommer bin ich oft von der Gelben Schule nicht nach Haus in die Zierenbergstraße gegangen, sondern gleich zum Garten.“

Foto: Privatbesitz Wüsthoff
Etwa 140 Gärten zählen noch zum Berggarten, zu der sehr alten Grabeland-Anlage am Fuß des Krehlaberges auf der Rottsbergseite. Die Parzellen haben einen ungewöhnlichen Zuschnitt aus traditionellen Gründen. Auf den langen schmalen Grabeland-Streifen wurde früher nicht nur für die Familien, sondern auch für die hinter fast jedem Haus gehaltenen Tiere, für Hühner und Kaninchen, Futter angebaut. „Als ich klein war“, erinnert sich Wüsthoff, „konnte man spät am Abend überall am Moritzberg hören, wie die Sensen gedengelt (geschliffen) wurden – dann wurde noch Futter für das Kleinvieh gemacht.“
Der Berggarten e.V. hat 121 aktive Mitglieder und zwölf passive; die Passiven federn mit ihren finanziellen Beiträgen die Belastungen durch freie Gärten ab, denn auch für die muss Pacht gezahlt werden. 20 Cent pro Quadratmeter beträgt in Hildesheim die einheitliche jährliche Pacht für Kleingartenland. Dazu kommen beim Berggarten pro Jahr 35 Euro Mitgliedsbeitrag. Schlaflose Nächte haben Heinz Wüsthoff die leerstehenden Gärten schon öfters gemacht. „1999 war ich schon bei sieben oder acht freien Gärten unruhig, zur Zeit sind es 17.“ Zwar übernehmen wieder öfter junge Familien einen Kleingarten, aber zum Teil ziehen sie wegen beruflicher Veränderungen auch schnell wieder fort.
Die arbeitsmäßige Belastung durch Leerstand packen die Berggärtner gut – sie pflegen die freien Gärten gemeinsam. Ein Kern von etwa 30 Mitgliedern leistet sehr viel ehrenamtliche Arbeit für die Anlage – in 2013 über 600 Stunden; sechs Stunden jährlich pro Pächter sind Pflicht. Einmal im Jahr lädt der Vorstand die hoch Engagierten zu einem gemütlichen Nachmittag ins Vereinsheim ein.
Vor sechs Jahren stand die Zukunft der Kleingartenanlage Berggarten auf dem Spiel, die Klosterkammer wollte das Gartenland mit einer Wohnsiedlung bebauen lassen. Zwar hatte der Vorstand einen Umzug der gesamten Anlage bereits in Auge gefasst, aber bei der Mitgliederbefragung wurden fast drei Viertel der Stimmen für den Verbleib in der Anlage abgegeben (Moritz vom Berge, Ausgaben Mai und Juni 2008). Das akzeptierte der Vorstand – zum 75-jährigen Jubiläum des Kleingartenvereins im Sommer 2009 hatte sich die Aufregung gelegt. „Wir sind gute Demokraten“, lacht Wüsthoff, „auch wenn wir anderer Meinung sind, werden Abstimmungsergebnisse eingehalten“.
Wüsthoff war viele Jahre seines Lebens beruflich mit dem Auto unterwegs, zuletzt als Fahrer für den Landesrechnungshof. „Ich hatte immer das Glück, mit dem Fahrrad zur Arbeit fahren zu können“, empfindet er. Erst recht weiß er die Lage des Berggartens zwischen den Moritzberger Wohngebieten zu schätzen: Für viele der Pächter ist ihr Garten nur ein paar Schritte von der Wohnung entfernt. „Früher habe ich trotzdem manchmal bis zu zwei Stunden gebraucht, um vom Friedhof bis zu meinem Garten zu kommen – soviel war zu besprechen und zu erzählen.“
Seit Wüsthoff in Rente ist, geht er gern auch mal morgens um 6 Uhr in den Garten und um 8 zum Frühstück wieder nach Haus. „Die Atmosphäre früh morgens ist die allerschönste“, erzählt er. Wenn er den Vorstandsposten abgegeben hat, so hofft er, wird auch seine Frau wieder öfter mit zum Garten kommen – dann hat man wieder mehr Ruhe, zusammen draußen zu sitzen. Ganz heraushalten aus dem Gemeinschaftsleben möchte Heinz Wüsthoff sich aber nicht. Gern will er zum Beispiel mit Interessenten die freien Gärten anschauen und sein Wissen darüber weitergeben. „Dafür habe ich Zeit – und die Gemeinschaft mit den anderen Gartenfreunden macht einfach auch sehr viel Spaß.“